
»Allgemeines« [BW-Kasernen] [Letzte Dienstgrade] [Geburtsjahrgänge]
» Als die Bundeswehr 1955 zu den Fahnen rief, war der Arbeitsmarkt
leergefegt. Das "Wirtschaftswunder" begann. Erstklassige einstige
Soldaten ließen sich nur schwer überreden, den Job zu wechseln. Die
Diskriminierung vieler früherer Soldaten hielt bewährte Militärs ab, sich um
eine Reaktivierung bei der Bundeswehr zu bemühen. Ehemalige Offiziere, die sich
gern beworben hätten, wurden abgewiesen von einem Apparat, der den Beamten
über den Soldaten stellte. Nach einigem Zögern entschloss sich dennoch mancher
frühere Soldat, angesichts der Lage in dem geteilten Deutschland noch einmal
seinem Vaterland aktiv zu dienen.
» Die oberste Bundeswehrführung verkündete bei der Gründung der neuen
westdeutschen Streitkräfte am 12. November 1955, dem 200. Geburtstag des
großen preußischen Heeresreformers Scharnhorst, stolz, daß mit diesem Datum
eine neue Epoche in der Geschichte des deutschen Wehrwesens begönne. Es wurde
festgestellt, diese neue Armee sei aus dem Nichts aufgebaut worden, wodurch die
Zäsur gegenüber der Vergangenheit betont werden sollte. Allerdings ist diese
Behauptung nur teilweise zutreffend. Denn das Führerkorps der Bundeswehr
entstand in den fünfziger Jahren natürlich aus dem jüngsten Frontkader der
Wehrmacht. Offiziere, die sich besonders bewährt hatten, wurden unter den
Freiwilligen ausgewählt, manche von ihnen mit großer Anstrengung geworben, vor
allem die in der neuen Truppe zahlreichen Ritterkreuzträger. Es waren dies
Soldaten, auf deren Dienst sogar die Gegner von einst größten Wert legten.
» An der Spitze der jungen Bundeswehr standen jene Offiziere, die
Kaiserreich, Weimarer Republik und Drittes Reich durchlebt und durchlitten
hatten. Alle Offiziere vom Oberst aufwärts waren streng darauf überprüft
worden, daß sie nicht in Kriegsverbrechen verstrickt waren. Aus ihrem gereiften
und reichhaltigen Erfahrungsschatz schöpfend, waren sie beseelt, gute und
zeitlose Werte und Traditionen mit neuem Gedankengut zu verschmelzen, um der
politischen Führung starke Streitkräfte zum Schutze des freien Teils von
Deutschland an die Hand geben zu können.
» Mit der Wiederverwendung des in den Freiheitskriegen 1813 geschaffenen
Eisernen Kreuzes als Symbol an den Kampffahrzeugen der Bundeswehr wurde allen
Anfeindungen zum Trotz an eine tausendjährige christlich-abendländische
Tradition und Ethik, verkörpert im Deutschen Ritterorden, angeknüpft. Die
damalige Bundeswehrführung war sich bewusst, daß es ohne Tradition nicht geht.
Dabei war klar, daß Tradition nicht Geschichte ist, sondern eine Auswahl aus
der Geschichte bedeutet. Was blieb, war das schwierige Problem der Auswahl, aber
keineswegs ein Zwang, irgendeine Phase der Vergangenheit total auszuklammern.
Unumstritten war, daß die Pflege von Traditionen ein unverzichtbarer
Bestandteil des Geisteslebens ist.
» Etwa 40.000 Unteroffiziere und Offiziere, die aus der Wehrmacht
stammten, bauten die Bundeswehr auf. 711 von ihnen waren Inhaber des
Ritterkreuzes; allein 114 von ihnen erreichten die höchsten militärischen
Ränge, waren Generale und Admirale. Sie hatten die in dem Bundeswehr-Eid
vorgegebenen Tugenden, treues Dienen und Tapferkeit in schwerster Zeit gelebt.
Sie waren es, die den beispiellosen Aufbau der Bundeswehr von Null auf 300.000
Mann in nur fünf Jahren ermöglicht haben und die dringend benötigten,
vielfältigen Erfahrungen einbrachten.
» Natürlich vermochten die wenigsten von ihnen, ihre herausragenden
militärischen Einzeltaten im Frieden auf andere Weise zu wiederholen. Aber es
zeigte sich, daß die höchste Kriegs- und Tapferkeitsauszeichnung in ihrer
Wirkung fortdauerte, daß eine Verpflichtung unauflösbar geblieben ist. Für
zahlreiche junge Soldaten wurden sie zu Vorbildern. Bis in die sechziger Jahre
hinein gab es kaum ein Kampftruppenbataillon, kein Geschwader oder eine Brigade,
an deren Spitze nicht ein Ritterkreuzträger stand. In den Schulen gaben sie als
Lehrer ihr Wissen an die Jüngeren weiter. Als der erste Kanzler der
Bundesrepublik, Konrad Adenauer, 1967 zu Grabe getragen wurde, geleiteten
Bundeswehr-Generale und Admirale, die sämtlich mit dem Ritterkreuz
ausgezeichnet worden waren, den Sarg in den Kölner Dom. Bis Ende der siebziger
Jahre führten Ritterkreuzträger Verteidigungsbezirke, Brigaden, Divisionen und
Korps, bekleideten die Posten von Inspekteuren und Generalinspekteure oder waren
in höchsten Nato-Verwendungen eingesetzt.
» Das Ansehen der Ritterkreuzträger in der Bundeswehr ist unter den
Soldaten hoch geblieben, weil offensichtlich nur sehr wenige den Anforderungen
und besonderen Leistungen, die man auch im Frieden erwartete, nicht gerecht
geworden sind. Diese Kriegsgeneration vermittelte fast 25 Bundeswehr-Jahrgängen
Erfahrungen und Werte, die die Truppe zu einer international respektierten und
schlagkräftigen Armee formten. Der letzte Ritterkreuzträger schied 1984 aus
dem aktiven Dienst aus. Die derzeit amtierende Bundeswehrspitze hat
Ritterkreuzträger als Vorgesetzte auf allen Ebenen erlebt.
» Aber auch in der aktiven Traditionsbewahrung dienten oder dienen
Ritterkreuzträger als Vorbilder für die jungen "Staatsbürger in
Uniform". So besaß die Marine einen Lenkwaffenzerstörer, der den Namen
des mit dem Schlachtschiff "Bismarck" untergegangenen Admirals und
Ritterkreuzträgers Günter Lütjens trug. Dem zum Selbstmord getriebenen
Brillantenträger und Generalfeldmarschall Erwin Rommel zu Ehren wurden ein
Infanteriewettbewerb und ein Lenkwaffenzerstörer benannt. Dem gefallenen
Schwerterträger Oberst Georg Freiherr von Boeselager zu Ehren wurde ein
Nato-weit ausgetragener Wettbewerb der Panzeraufklärungstruppe gewidmet. Das
Stabsquartier der 3. Luftwaffendivision in Berlin sowie das Jagdgeschwader 73 im
mecklenburgischen Laage führen den Namen des Schwerterträgers und
Bundeswehr-Vier-Sterne-Generals Johannes Steinhoff. Nach dem vermißten
Eichenlaub-träger Josef Schreiber wurde in Immendingen die "Oberfeldwebel-
Schreiber-Kaserne" benannt.
» In der Zeit des Kalten Krieges, als die Gefahr des
sowjetisch-kommunistischen Imperialismus gerade in Deutschland sichtbar war,
wagte es aus guten Gründen niemand, das Traditionserbe der Wehrmacht, welches
die etwa 40.000 früheren Wehrmachtsoldaten in die Bundeswehr hineingetragen
hatten, anzuzweifeln. Doch wenige Jahre nach der Wiedervereinigung und etwa eine
Dekade nachdem die letzten kriegsgedienten Soldaten und damit auch die letzten
Ritterkreuzträger aus der Bundeswehr entlassen wurden, werden sie politisch als
Belastung empfunden. Sie wurden zu Opfern eines Kulturkampfes. Denn in Wahrheit
gehört die Debatte um die Bewahrung und Pflege von militärischen Traditionen -
auch und gerade aus der Wehrmacht - zu dem Kulturkampf Links gegen Rechts, der
Deutschland seit Jahren bewegt. Es geht dabei um die Frage, wer Deutschlands
Geschichte interpretiert, wer unsere Wertvorstellungen bestimmt, wer erlaubt,
was gedacht, geschrieben und gesagt werden darf.
» Die Gegner der Bundeswehr, ja letztendlich der deutschen Demokratie,
haben längst begriffen, daß man die Legitimation der heutigen deutschen
Streitkräfte in Zweifel ziehen kann, indem man ihre historischen Vorläufer,
insbesondere die Wehrmacht, diffamiert. Das eigentliche Ziel der zumeist
kommunistischen Agitatoren ist es, durch systematische Zersetzungstätigkeit die
Wehrhaftigkeit dieser Demokratie zu untergraben und damit zum Einsturz zu
bringen. Unserer Verteidigungsfähigkeit sollen die Grundlagen entzogen werden,
auch die sittlichen.
» Ende der neunziger Jahre zeigte diese Kampagne Erfolge: Insbesondere
die sogenannte bürgerlich-konservative Volkspartei CDU war ins Wanken geraten.
Die Wehrbeauftragte Claire Marienfeld (CDU) und Bundesverteidigungsminister
Volker Rühe (CDU) stritten darüber, ob in der Bundeswehr "die gebotene
Distanz zur deutschen Wehrmacht" eingehalten wird. Es begann ein
regelrechter Bildersturm. Erinnerungsgegenstände, Fotos, Bilder, Uniformen, die
aus der Wehrmachtzeit stammten, wurden systematisch aus den Unterkünften der
Bundeswehr entfernt. Kasernen wurden umbenannt. Der Dresdner CDU-Bürgermeister
boykottierte ein Treffen der Ritterkreuzträger in seiner Stadt, die Bundeswehr
selbst verweigerte - wie später auch in Hammelburg - die militärischen Ehren.
» Diese Reaktionen gegenüber den kriegsgedienten, einstigen
Bundeswehr-Angehörigen sowie ihren oft gefallenen Kameraden wirkten verletzend
und spaltend. Derartige Maßnahmen waren bisher Kennzeichen von ideologisch
gleichgeschalteten Streitkräften totalitärer Systeme, nicht aber die einer
selbstbewussten, staatstragenden Armee einer Demokratie.
» Um politisch "korrekt" zu sein, knickten einige herrschende
Politiker, allen voran Verteidigungsminister Rühe mit Duldung von Bundeskanzler
Helmut Kohl (CDU), vor den Gegnern der Bundeswehr ein und opferten auf dem Altar
des Zeitgeistes ohne Not einen Teil der militärischen Tradition. Als dann
Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) am 5. März 1999 die seit den
fünfziger Jahren bestehenden dienstlichen Kontakte der Bundeswehr zu der
Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger (0dR) verbot, vollendete er damit nur
das Werk seines Amtsvorgängers Rühe. Auf Reaktionen, gar klärende Worte von
Spitzenmilitärs, gerade auch die für Soldaten geltende Tugend "Mut vor
Fürstenthronelf" vorzuleben, wurde vergebens gewartet.
» Es fügt sich in dieses geistige Klima, das aus vorurteilen und
mangelndem Augenmaß gespeist wird, daß dem erfolgreichsten U-Boot-Kommandanten
und späteren Bundeswehr-Admiral Otto Kretschmer seitens des
Bundesverteidigungsministers kein Nachruf gewährt wurde. Bemerkenswert ist,
daß im Gegensatz dazu die britische Admiralität Tapferkeit, Scharfsinn und
Auftreten des ehemaligen Kriegsgegners würdigte und die englische Tageszeitung
"The Daily Telegraph" (Auflage von 1,084 Millionen) ihm einen
achtspaltigen Nachruf widmete.
» Deutsche Politiker und Militärs wollen offensichtlich verdrängen,
daß das Fundament unseres Lebens immer noch besteht aus Opferbereitschaft und
Verzicht. Daß jede Generation, damals wie heute, bereit ist, sich einzusetzen
für das, was sie für gut und richtig hält und Soldaten immer auch Opfer der
Kriegsordnung wie der Friedensordnung sind. Bis heute sind Soldaten die "Reparierer"
der gravierenden Fehler von Politikern.
» Die Aufgaben der Bundeswehr ändern sich und damit auch ihre
Ausbildungskriterien. Die Einsatzbereitschaft der Truppe rückt deutlich in den
Vordergrund. Verteidigung ist das übergeordnete politische Ziel. Zu diesem
Zweck muß die Bundeswehr nicht nur gut ausgerüstet und ausgebildet sein:
vielmehr müssen ihre Soldaten zum Kämpfen bereit, also vom "Wofür"
überzeugt sein. Es geht um die sittliche Verfassung der deutschen
Streitkräfte, den Geist der Truppe. Und damit stellt sich unvermeidlich die
Forderung nach soldatischer Erziehung und soldatischen Vorbildern.
» Die Annahme, die Bundeswehr tue gut daran, militärische Traditionen
erst ab Bestehen der Bundesrepublik Deutschland zu suchen und möglichst nicht
davor, führt allerdings in die Sackgasse. Die Wehrmacht ist trotz einiger
Verstrickungen in Kriegverbrecher, wie übrigens auch andere Armeen, dennoch
Übermittler von Werten, Tugenden und Berufseigentümlichkeiten aus 300 Jahren
deutscher Militärgeschichte an die Bundeswehr. So hat die Wehrmacht Traditionen
übernommen und an die Bundeswehr weitergegeben. Dies zu leugnen entspricht
nicht den historischen Tatsachen. Der Bundeswehr-Aufbau erfolgte und gelang ganz
ohne die gefürchteten "braunen Flecken", dafür aber mit viel
praktischer Erfahrung. Tatsächlich ist die Bundeswehr in nunmehr 45 Jahren nie
von ehemaligen Wehrmachtsoldaten kompromittiert worden. Die großen Leistungen
der Wehrmachtsoldaten, und unter ihnen natürlich die Ritterkreuzträger,
können und dürfen bei einer objektiven Traditionspflege nicht ausgeklammert
werden.
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