Ritterkreuzträger
 
Generalleutnant
Becker, Carl
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Ritterkreuz am:
29.10.1942
 
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© Andreas Düfel 2006

 

Sanitätsfeldwebel Rudolf Bäcker
 

Dritter Wittgensteiner Ritterkreuzträger 
von Oberleutnant Edgar Dietrich; Ortsheimatpfleger zu Erndtebrück

* 4. April 1910 zu Schloß Berleburg
??22. November 1943 in Tschernjechoff bei Shitomir in der Ukraine

Am 22. November 1998 jährte sich zum 55. Male der Todestag des Prinzen Ludwig Ferdinand Paul Franz Stanislaus Ulrich Otto Ludolf zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg (so sein voller Name), der als Oberstleutnant und Kommandeur des Kavallerieregiment "SÜD" beim Kampf um Shitomir in Rußland an der Spitze seines Regimentes gefallen ist.

Die Wiege des Prinzen stand auf Schloß Berleburg im Wittgensteiner Land, wo er als dritter Sohn des Fürstenpaares, Kgl. württ. Rittmeister a.D. Fürst Richard und seiner Gemahlin Madeleine, geb. Prinzessin zu Löwenstein-Wertheim-Freudenberg, am 4. April 1910 das Licht der Welt erblickte.

In dem Land der roten Erde und den Wittgensteiner Bergen lernt er frühzeitig den Umgang mit Pferden und beschließt, wie sein Vater und wie es die Tradition seiner Familie ist, Offizier zu werden. Nach dem Abitur tritt er am 1. April 1930 in das Reiterregiment 18 der "Cannstätter Reiter" ein.

Am 5. August 1935 heiratet er in Varlar/ Westfalen Friederike Juliane Prinzessin zu Salm-Horstmar. Der glücklichen Ehe werden zwei Töchter und drei Söhne geschenkt. Für seine Kinder hat er jedoch aufgrund des Soldatenberufes und des seit dem 1. September 1939 dauernden Krieges wenig Zeit. Wie viele Kinder der Kriegsgeneration teilen sie das gleiche Schicksal. Sie kennen ihren Vater nur von Bildern, aus Feldpostbriefen oder von einem kurzen Fronturlaub.

Am 12. August 1942 schrieb er seine Gedanken zu Papier:

"Dreizehn Jahre war ich Reiter und Kavallerist. Ich war es mit Freude und Passion. So traf mich der Befehl zur Umschulung auf die Panzerwaffe hart. Damit begann ein ganz neuer Abschnitt für den Soldaten. Wie es befohlen war, so wurde umgeschult. Den Wert der Panzerwaffe kennend, versuchten wir, uns mit ihr vertraut zu machen.
Aber oft ertappte ich mich und stellte fest, daß meine Gedanken ganz woanders waren. Sie waren bei Pferden, waren bei der geliebten alten Waffe. War diese veraltet, brauchte man sie nicht mehr ? Hatte sie vielleicht bisher nicht ihre Pflicht getan ? - Nein, sicher nicht! Ob Reiter oder Radfahrer, ob im Verbande der Kavallerie-Division, überall hatten sich die Kavalleristen bewährt und ihr Bestes gegeben! Und im Osten ohne Reiter ? Nein, das ist kaum möglich. Wie oft hatten wir erfahren, daß nur das Pferd, der Reiterspähtrupp, der Meldereiter, das Bespannfahrzeug durchkamen, wenn alles andere im Sumpf stecken blieb. Nur der Reiter kannte keine Schlammperiode.

Ich dachte zurück an all die Unterhaltungen, die wir über den Neuaufbau der Kavallerie geführt hatten, wenn wir uns in unseren Bunkern an alte Zeiten erinnerten oder wenn wir auf Nachschub warteten, der irgendwo im Sumpf steckte. Wie viele Male hatten wir Pläne geschmiedet, wie die Kavallerie geführt werden müßte. Über vieles hatten wir geredet. Wir hatten nur niemanden, dem wir unser Herz ausschütten konnten. Wie froh waren wir, als dann das Kavallerie-Regiment "Mitte" mit der Aufstellung begann, und wir sahen - es geschieht wieder etwas! Stolz waren wir, aber auch neidisch, nicht mit dabei sein zu können. Aber das war für mich jetzt aus. Ich war Panzermann, wollte viel lernen, um bald wieder ins Feld zu können. So ging der Lehrgang zu Ende, dem noch ein herrlicher Osterurlaub folgte. Ganz auf Panzer eingestellt, die schwarze Uniform im Koffer, so kamen die letzten Urlaubstage. Anschließend sollten wir auf der Panzerschießschule den letzten Schliff erhalten."

Als Führer der Aufklärungsabteilung 35 bewies der Wittgensteiner Rittmeister Prinz Ludwig Ferdinand mehrfach hervorragende Tapferkeit, für die er am 15. Dezember 1941, als erster Wittgensteiner Soldat, mit dem Deutschen Kreuz in Gold, einer hohen Tapferkeitsauszeichnung, ausgezeichnet wurde. Die beiden Eisernen Kreuze erhielt er bereits am 20.05. und 10.06.1940.

Der tapfere Offizier, der bereits im Westfeldzug gegen Frankreich persönlich einen schweren Panzerkampfwagen mit geballter Ladung zur Strecke gebracht hatte, bewährte sich auch des öfteren bei den Kämpfen auf dem östlichen Kriegsschauplatz. Als er bei der Schließung des Smolensker Kessels zum zweiten Male verwundet wurde, behielt er trotz zurückgebliebener Granatsplitter in der Schulter die Führung seiner Abteilung. Mit seiner jederzeit vorbildlichen Tapferkeit gelang es ihm, mit nur noch schwachen Kräften stärkste Angriffe des Gegners abzuwehren, nachdem sich die Aufklärungsabteilung beim Vorgehen "eingeigelt" hatte. Mit dem ihm unterstellten Panzerabwehrkanonenzug konnten von zehn angreifenden Sowjetpanzern neun innerhalb kürzester Zeit abgeschossen werden. Der Rittmeister eilte selbst von Geschütz zu Geschütz, um Anweisungen und Befehle zum unerschrockenen Durchhalten zu erteilen. Durch sein persönliches Verhalten gab er seinen Soldaten das beste Beispiel an Tapferkeit und Entschlossenheit, um diese kritischen Stunden zu überbrücken. Während der in den nächsten drei Tagen folgenden schweren Kämpfe konnte er mit seinen tapferen Soldaten dem Gegner erhebliche Einbußen zufügen und dadurch dem eigenen Verband unnötige Opfer ersparen.

Am 6. November 1943 waren die feindlichen Truppen in Kiew, einen Tag später in Fastow und kurz darauf in Shitomir. Das im Eisenbahntransport anrollende Regiment wurde angehalten und unmittelbar in den Kampf geworfen. Dabei wäre beinahe die 2. Schwadron in das feindbesetzte Shitomir hineingefahren. Es gelang, den sowjetischen Vorstoß westlich der Stadt zum Halten zu bringen. Das Regiment wurde der Armee-Abteilung Mattenklott (XIII. Armeekorps) unterstellt. Aufgrund der großen Bedeutung der Stadt Shitomir für die Versorgung der Front griffen Panzerkräfte des XXXXVIII. Panzerkorps von Süden her aus der Linie Shitomir-Fastow den nach Westen vorpreschenden sowjetischen Angreifer in der Flanke an. An der Wiedereinnahme von Shitomir am 15. November 1943 hat das Kavallerieregiment "SÜD" unter der Führung von Major Prinz Ludwig Ferdinand einen wesentlichen Anteil. Seine zahlenmäßig kleinen Schwadronen schlugen sich äußerst tapfer. Durch eine Zangenbewegung gegen den Feind an der nördlichen Ausfallstraße nach Korosten gelang es dem Regiment, den hartnäckigen sowjetischen Widerstand zu brechen. Der Stoß wurde nach Nordosten in Richtung Korosten fortgesetzt.

Der 22. November 1943 sollte ein Schicksalstag des jungen Regimentes werden. Gemeinsam mit der 208. Infanteriedivision des Generals Piekenbrock wurde der Angriff gegen den wichtigen Eckpfeiler Tschernjechoff, 20 Kilometer nördlich von Shitomir, vorgetragen. Der Auftrag für das Kavallerieregiment "SÜD" sah den Angriff von Westen her in die Stadt vor. Das Gelände war sehr ungünstig: Vor den Reitern lag eine offene Ebene von mindestens drei Kilometern Tiefe. Nach den Schilderungen des Oberleutnant Fuchsberger lief das Gefecht wie folgt ab:

"Stets an der Spitze seines Regimentes griff Oberstleutnant Prinz Ludwig Ferdinand zu Sayn-Wittgenstein - gerade am Vortage hatte er von seiner Beförderung erfahren - in breiter Front mit seinen Reitern Tschernjechoff an. Stärkstes Granatwerfer-, PAK-, Flak- und Infantriefeuer zwangen das Regiment zu Boden. Der Kommandeur ging kurz zurück, um die Schwadronen neu einzusetzen. Das Schicksal wollte es, daß unser geliebter Kommandeur, in einem Graben stehend, durch einen Pak-Volltreffer mit seinem Adjutanten, Rittmeister Rudolf Bacherer jr. und dem Kommandeur der I. Abteilung, Rittmeister Grützner, fallen mußte. Schwer verwundet wurden dabei auch die Führer der 1. und 4. Schwadron, die beide in den nächsten Tagen ihren Verwundungen erlagen."

Die Todesnachricht wurde der Ehefrau durch ihren Bruder, Prinz Karl-Walrad zu Salm-Horstmar, überbracht. Die Familie hatte damals ihren Wohnsitz in Krüden bei Seehausen, Kreis Osterburg in der Altmark. Prinz zu Salm-Horstmar war ebenfalls Kommandeur eines Kavallerieregimentes "Nord" (Ritterkreuz als Rittmeister und Kommandeur Aufklärungsabteilung 123 am 19. Februar 1942, während der bekanntere Oberstleutnant Georg Freiherr von Boeselager Kommandeur des Kavallerieregimentes "Mitte" war. 

Die Gefallenen wurden zusammen mit mehreren Kameraden unter militärischen Ehren auf dem deutschen Heldenfriedhof "Hegewald" (ca. zwei Kilometer südlich Shitomir) mit militärischen Ehren in der russischen Erde zur Ruhe gebettet. Es gelang mir nach monatelanger Forschungsarbeit mit Hilfe ehemaliger Kameraden des Prinzen anhand von Ortsbeschreibungen den Friedhof in Hegewald auf eine Karte im Maßstab 1:50.000 einzuzeichnen. Sein Sohn Prinz Otto Ludwig hat dann unter Mitwirkung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. den ehemaligen (bis dato unbekannten) Friedhof Hegewald bei Shitomir besucht. Heute befindet er sich in einem Kiefernwald. Um den kleinen Wald herum ist in den vergangenen Jahrzehnten ein bedeutendes Industriegebiet entstanden. Der Friedhof wird heute aufgrund unserer Initiative durch den Volksbund wieder hergerichtet.

Nach dem Tode wurde er in Anerkennung seiner militärischen Leistungen und für die saubere Führung seiner Truppen posthum (d.h. nach seinem Tode) mit Wirkung vom 1. November 1943 zum Oberst befördert und am 20. Januar 1944 als dritter Wittgensteiner Soldat, mit dem Ritterkreuz zum Eisernen Kreuz ausgezeichnet.

Oberst Prinz Ludwig Ferdinand zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg verkörperte die soldatischen Tugenden der Reichswehr, die auch heute für die Soldaten der Bundeswehr verbindlich sind. All sein Handeln wurde vom Gewissen bestimmt! Er war zugleich, wie alle Reiter, draufgängerisch kühn und von zäher Standfestigkeit - jedoch niemals leichtfertig tollkühn oder rechthaberisch beharrend. Er forderte viel von sich und seinen Soldaten - doch er überforderte sie nicht. Die eigenen Möglichkeiten wußte er mit sicherem Urteilsvermögen gegen die des Gegners abzuwägen. Klar und folgerichtig waren dann seine Entschlüsse, Maßnahmen und Befehle. Halbheiten und Unrecht verabscheute er und deshalb ist er noch heute für seine ehemaligen Soldaten als Kommandeur, fürsorglicher Vorgesetzter und Kamerad, ein Vorbild. 

In der amtlichen Mitteilung des Heerespersonalamtes heißt es, daß der gefallene Ritterkreuzträger als Kommandeur eines Kavallerieregimentes durch außerordentlich kühnes und geschicktes Operieren mit seinen Kavalleristen feindliche Kräfte solange aufgehalten hat, bis die Räumung der Stadt Shitomir beendet war. Am 15. November 1943 konnte Shitomir und Korosten von deutschen Truppen zurückerobert werden.

Sein ältester Bruder, Prinz Gustav Albrecht übernahm am 25. April 1925, nach dem Tode seines Vaters, als 5. Fürst zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg, die "Regentschaft". Auch er wird zuerst als Rittmeister der Reserve seit 24. Juni 1944 bei Orscha in Rußland vermißt und nach dem Kriege für tot erklärt. Am 18. August 1944 wurde er posthum als Ic (zuständiger Stabsoffizier für die Feindlage und Erkenntnisse über den Feind) der 23. Panzerdivision für seine hervorragende Truppenführung mit dem Deutschen Kreuz in Silber ausgezeichnet.

Neben den beiden Prinzen haben über 3.000 Wittgensteiner Landsleute in gutem Glauben in dem großen Völkerringen des Zweiten Weltkrieges ihr Leben für ihr Vaterland und ihre Heimat Wittgenstein eingesetzt und gegeben.